
Leseprobe:
Kay Clasen
Altlasten
Ein mysteriöses Erlebnis auf der Baustelle
1. der Unfall
Es war der gleiche Stress wie immer, wenn man morgens mit dem Auto in die Innenstadt fährt. Stau ohne Ende. Ich hatte mir zwar angewöhnt meine Baustelle erst nach neun Uhr aufzusuchen aber heute war alles anders. Warum ich das Telefon kurz nach sieben überhaupt abgehoben hatte, war mir immer noch nicht klar. Normalerweise ignoriere ich so etwas. Aber dieser Anruf war anders. Das Klingeln hatte etwas bedrohliches, es wollte nicht überhört werde.
„Hallo,“ sagte ich nur kurz und anscheinend recht mürrisch.
„Gerd Petersen,“ meldete sich die Stimme am anderen Ende zögernd. Petersen war der Polier meiner wichtigsten Baustelle. Wenn er so früh anrief musste es einen triftigen Grund geben. Er kannte meine Abneigung gegen frühe Aktivitäten.
„Ich muss Sie informieren dass wir hier heute morgen einen Unfall hatten,“ sagte er.
„Es wäre gut wenn Sie möglichst bald kommen könnten, die Polizei ist noch hier und stellt Fragen über Fragen und der Mann vom Arbeitsschutz wird auch bald hier sein.“
„Unfall, was war los und ist jemand verletzt?“
„Den Jupp,“ sagte er, „ den Jupp Wegner hat´s erwischt.“
„Der Jupp, der sollte doch heute früh die Kellersohle aufstemmen, dass war doch alles abgesprochen.“
„Hat er auch und dabei anscheinend eine Starkstromleitung getroffen, es hat jedenfalls wahnsinnig geknallt und er ist in die Ecke geflogen.“
„Starkstromleitung? Unmöglich, wir haben doch gestern alles abgeklemmt. Das kann nicht sein.
Hat´s ihn schlimm erwischt?“
„Weiß keiner so genau. Er war jedenfalls bewusstlos und ist gleich ins AK Altona gebracht worden. Mit Blaulicht und so.“
„Gut, ich bin schon unterwegs. Wird bei der Rushhour aber etwas dauern. Lass die Arbeit in dem Bereich einstellen, wir müssen erst mal alles überprüfen.“
Langsam hatte ich mich drei Kreuzungen weiter gearbeitet. Auf Nebenstraßen ausweichen bringt auch nicht viel. Alle Ampeln sind für den Verkehrsfluss auf den Haupteinfallsstraßen programmiert und diese zu kreuzen dauert noch länger. Also Geduld üben. Tun konnte ich im Augenblick ohnehin nicht viel. Nach Radiomusik, Werbung, Wetter und Nachrichten stand mir nicht der Sinn. Also nachdenken.
Der Jupp war ein vorzüglicher Mann. Wie konnte ihm so etwas passieren. Wir hatten gestern sorgfältig alle Vorbereitungen für die Stemmarbeiten getroffen, Elektrizität und Wasser in dem Bereich abgeklemmt.
Gasleitungen waren nicht vorhanden da das gesamte Grundstück nicht mehr an das städtische Gasnetz angeschlossen war und Starkstromleitungen unter der unversehrten Sohle eines Gebäudes aus dem 19.Jahrhundert? Ob vielleicht der Kompressor Probleme hatte? Oder war Jupp an das Beleuchtungskabel geraten? Nun, in Kürze würde ich es wissen.
Noch zwei Ampelkreuzungen und ich hatte freie Fahrt. Ich bog in die schmale Tordurchfahrt ein, die die einzige Zufahrt zu dem alten Gebäudekomplex war, den wir umzubauen hatten. Mein Parkplatz, den ich mir regelmäßig wieder frei kämpfen musste, war tatsächlich frei. Als ich aus dem Wagen stieg viel mir sofort die unnatürliche Ruhe auf, die für eine Baustelle absolut ungewöhnlich war. Kein Kompressor, keine Flex, kein Hämmern war zu hören. Der erste Hof war absolut leer, kein Mensch zu sehen.
Im zweiten Hof standen die Bauarbeiter zusammen, diskutierten und rauchten. Polier Petersen kam gleich auf mich zugelaufen.
„Polizei ist wieder weg,“ sagte er.
„Die haben sich Stichworte notiert, einige Leute befragt und wollen jetzt ein Protokoll machen. Viel haben sie nicht erfahren, war ja auch keiner dabei, bei dem Unfall.“
Und er fügte leise hinzu:
„Hab auch keine Ahnung was er da unten im Keller gemacht hat, begreif ich wirklich nicht.“
Langsam kam wieder Bewegung in die umher stehenden Leute. Es gab anscheinend nichts mehr zu bereden und so nahm man die liegen gelassene Arbeit wieder auf. Zur Frühstückspause würde man sich des Themas wieder annehmen, auch wenn es bis dahin keine Neuigkeiten gab.
„Ist im Keller vom Kesselhaus noch jemand,“ fragte ich. Dort hatte der Jupp gearbeitet.
„Nein, da ist keiner, wir haben aber alles so liegen lassen wie es war, auch die Kabellampe brennt noch.“
„Gut, ich werde mich dort mal umsehen. Mit der angefangenen Stemmarbeit machen wir aber vorerst noch nicht weiter. Erst will ich wissen was los war.“
„Geht klar, und wenn der vom Bauarbeiterschutz kommt schick ich ihn runter.“
Der einzige Zugang zum Kesselhauskeller war durch das alte, zigmal umgebaute Nebentreppenhaus zu erreichen. Alte, ausgetretene Sandsteinstufen, abgefallener Putz durch den die rohen Ziegelsteinwände zu sehen waren, gemauerte Gewölbedecken und Sprossenfenster aus Gusseisen. Drei Kellerräume waren zu durchqueren, mit rußgeschwärzten, spinnwebüberzogenen Ziegelwänden, gemauerten Kappendecken zwischen rostigen Stahlträgern. Die richtige Umgebung für einen Gruselfilm.
Da im letzten Keller noch die Kabellampe brannte, konnte ich mich durchtasten ohne an die Wände zu stoßen.
Was ich vor fand war undramatisch. Der Presslufthammer lag auf dem Boden, den Luftschlauch und das E-Kabel hatte man durch ein altes Lüftungsloch gesteckt um das Kompressoraggregat außerhalb des Raumes betreiben zu können. Auf dem Ziegelsteinboden die beiden angezeichneten Markierungen für die zu stemmenden Löcher. Nur ein aufgerissenes Päckchen Mullbinden und einige Tupfer waren hier Fremdkörper und deuteten darauf hin, dass der Jupp vermutlich einige Spritzen oder eine Infusion erhalten hatte.
Ich beugte mich zu der Stelle hinunter wo er angefangen hatte den Boden aufzubrechen. Zwei Steine waren angestemmt. Die losen Brocken lagen noch an Ort und Stelle. Da die Ziegel hochkant verlegt waren, musste die obere Schicht etwa 10 – 12 cm dick sein. Ich klappte mein Taschenmesser auf und begann die losen Teile raus zu kratzen. Mit einiger Mühe konnte ich so viel heraussammeln, dass ich unter der ersten eine weitere Schicht fühlen konnte. Schließlich konnte ich eine Stelle von einigen Zentimetern freilegen. Ich hängte die Kabellampe ab und hielt sie über das kleine Loch. Merkwürdig, was ich sah und durch Abklopfen mit den Messer auch hörte war eindeutig Metall. Keine Bewehrungseisen oder etwas ähnliches, nein es schien eine Metallplatte zu sein.
Da ich im Hintergrund Schritte und Stimmen hörte beendete ich meine Untersuchungen und richtete mich auf.
Der Mann vom Bauarbeiterschutz kam zusammen mit dem Polier.
Unsere Begrüßung war kühl. Wir kannten uns von anderen Baustellen und hatten nicht unbedingt das beste Verhältnis zueinander. Bauarbeiterschutz ist sicher wichtig und sinnvoll aber die Sachbearbeiter lassen doch zu gerne die Obrigkeit durchblicken und legen mit ihrer Macht Baustellen wegen Kleinigkeiten still, obwohl die Probleme meistens mit einem Telefonanruf zu beheben wären. Das dadurch teilweise enorme Kosten entstehen, interessiere sie nicht, bekam ich oft genug zu hören.
„Hier gibt’s ja nicht viel zu sehen,“ sagte er nach einem schnellen Rundblick.
„Die Kabellampe brennt noch also ist noch Strom da,“ erkannte er scharfsinnig.
„Dann kann es nur am fehlerhaften Stemmgeschirr liegen. Ich beschlagnahme den Presslufthammer und werde ihn untersuchen lassen.“
Das angestemmte Loch im Fußboden beachtete er nicht. Mir war es ganz recht denn ich wollte der Ursache möglichst ohne ihn auf den Grund gehen.
Mit den Worten:
„Ich lasse von mir hören,“ bückte er sich um den schweren Hammer aufzuheben aber den hatte Petersen schon auf seiner Schulter um ihn zum Wagen des Bauinspektors zu bringen.
Ich war wieder allein.
Mit meinem kleinen Taschenmesser konnte ich nicht viel ausrichten, mir Werkzeug zu holen und selbst zu stemmen schien mir auch nicht recht passend und andere Leute wollte ich unbedingt davon fernhalten. Warum, war mir auch nicht klar.
Also bat ich Petersen die Stemmarbeiten vorläufig nicht weiter zu führen.
„Jetzt muss ich erst mal ins AK- Altona und sehen wie es dem Jupp geht. Ich ruf euch von dort aus an.“
Unsere Baustelle hier war beileibe keine der üblichen Art, kein Bürogebäude auf der grünen Wiese, keine Wohnblocks gemäß neuestem Bebauungsplan, kein zweckmäßiger Industriebau. Es war ein sogenanntes „Bauen im Bestand“, wie es so schön heißt. Das alte Fabrikgebäude stammte noch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, ein wirklich ehrfürchtiger alter Bau im klassischen Stil der damaligen Zeit. Dicke Ziegelsteinwände, die Geschoss-decken aus mächtigen Holzbalken, über dem Keller gemauerte Gewölbedecken. Die Dächer ebenfalls aus Holz gebaut und mit Pfannen gedeckt. Ein Großteil der Fenster war noch originalgetreu erhalten, gusseiserne Fenster mit Sprossen und kleinen Scheiben. Die viergeschossigen Gebäude umschlossen drei Innenhöfe und waren nur durch eine schmale Toreinfahrt von der Straße aus zu erreichen. Nicht unbedingt ideale Bedingungen für die Durchführung umfangreicher und langjähriger Bauarbeiten.
Unter Denkmalschutz stand das Ensemble nicht, war aber vom Denkmalschutzamt als schutzwürdig eingestuft und alle Arbeiten wurden daher argwöhnisch überwacht. Bei jeder Veränderungen wollte man natürlich gefragt werden.
Bekanntermaßen ist in unserem Land alles geregelt, nahezu ausnahmslos. In vielen anderen Ländern ist es immerhin so dass alles erlaubt ist was nicht verboten ist. Bei uns ist alles verboten was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Natürlich müssen Regeln sein wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Ich kann mich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass unser Staat meint er müsse uns vor uns selbst schützen.
Vorschriften im Bauwesen? Es gibt so viele, dass es mich wundern würde, wenn es einen Menschen gäbe, sie alle kennt. Wir hatten uns für unser Bauvorhaben von einem Bauinformationsdienst einmal alle Gesetze, Verordnungen, Verfügungen, DIN-Normen und sonstigen Vorschriften auflisten lassen die wir zu beachten hätten. Es waren fünfundvierzig doppeltbedruckte, engbeschriebene DINA4-Seiten. Nicht etwa der jeweilige Gesetzestext. Nein nur die jeweiligen Titel. Dass für einen Neubau oder eine umfangreiche Erweiterung eines Hauses eine behördliche Genehmigung erforderlich ist, leuchtet ein. Wer will schon neben seinem schmucken Einfamilienhaus plötzlich eine Schlosserei, eine Fischfabrik oder gar eine Schweinemästerei haben. Aber ob ich mir in meinem Dachboden ein zusätzliches Zimmer ausbaue, sollte dem Staat egal sein. Ist es aber nicht. Einen Bauantrag bitte, mit Plänen, Beschreibung, Formularen, Kosten. Eine eventuelle Genehmigung kostet selbstverständlich, die Ablehnung allerdings auch.
Weshalb ich allerdings einen Antrag auf Nutzungsgenehmigung stellen muss wenn ich eine Gewerbefläche als Büro nutzen will ist eine ganz andere Frage. Wenn jemand Wohnungen als Büro nutzt ist es eine Zweckentfremdung von Wohnraum. Die Begründung, Wohnraum ist Mangelware und muss vor Missbrauch geschützt werden, ist in vielen Fällen zweifelhaft aber zumindest nachvollziehbar. Weshalb ich aber für die Umnutzung von Büros in Wohnungen ebenfalls eine Nutzungsgenehmigung brauche, verstehe ich allerdings nicht.
Architekt ist ein schöner Beruf, zweifellos aber wie viel schöner könnte er sein wenn es die Überbürokratisierung und die Regelungswut der Obrigkeit nicht gäbe.
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